Zurück in die Fremde

Die Tragödie der Abgeschobenen

Von Mitra Hashemi,
29.07.2025

Maryam hält den Kopf gesenkt, die Hände zittern. „Ich hatte einen Friseursalon in Mashhad, fünf Angestellte. Afghanistan habe ich nie gesehen, ich bin dort geboren, aber dort war ich nie zuhause. Jetzt ist alles weg. Mein Mann, mein Haus, mein Leben.“ Dann bricht sie in Tränen aus.

Sie steht in einem improvisierten Lager an der Grenze zu Afghanistan, unweit des Übergangs Islam Qala. Hier endet, was einmal ihr Alltag war. Hinter ihr liegt Iran, ein Land, in dem Millionen Afghan:innen jahrzehntelang lebten, zur Schule gingen, arbeiteten. Vor ihr ein Afghanistan, das für viele von ihnen kaum mehr als eine Karte ist – ein Ort der Unsicherheit und Enge. Und trotzdem müssen sie hierher zurück.

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Eine Abschiebungswelle historischen Ausmaßes

Seit Ende vergangenen Jahres führen Iran und Pakistan massive Abschiebungen von Afghan:innen durch. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) wurden seit Beginn dieser Kampagne mehr als 1,2 Millionen Menschen zwangsweise zurückgeführt – allein im Iran, nach Schätzungen der UNO, bis zu 30.000 Menschen pro Tag.
„Wir sehen hier eine der größten Massenabschiebungen seit Jahrzehnten“, sagt Farhad, UNHCR-Koordinator in Herat. „Viele dieser Menschen haben keinerlei Verbindung mehr zu Afghanistan, sie sind dort nie gewesen, manche wurden schon im Iran geboren.“

Razzien und Angst – Iran verschärft den Ton

Iran, einst Zufluchtsort für Afghan:innen auf der Flucht vor Krieg und Armut, hat sich in den letzten Monaten in einen Ort der Angst verwandelt. Spezielle Polizeieinheiten durchkämmen Wohnviertel wie Golshahr in Mashhad oder Varamin, durchsuchen Wohnungen, Baustellen, Geschäfte. Straßenkontrollen sind Alltag; wer keine gültigen Papiere vorweisen kann, wird festgenommen, misshandelt und innerhalb weniger Tage abgeschoben.
Berichte von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch bestätigen, was Betroffene schildern: systematische Erniedrigung, Misshandlungen und sogar Folter durch Sicherheitskräfte.
Ali, 35, erzählt: „Ich arbeitete im Iran als Tagelöhner, verdiente fünf Euro pro Tag. Jetzt bin ich seit drei Wochen in Herat und habe nur einmal Arbeit gefunden – für einen Euro. Wie soll ich damit meine Familie ernähren? Meine Töchter saßen im Iran im Klassenzimmer, jetzt sitzen sie zuhause. Schulen für Mädchen sind hier geschlossen.“

Das Chaos an den Grenzen

An der Grenze, etwa am Übergang Islam Qala, warten tausende Menschen in sengender Hitze, ohne ausreichend Wasser oder Nahrung. „Sie verbringen oft Tage hier, unter freiem Himmel, mit nichts als einer Decke“, berichtet ein Mitarbeiter einer NGO. Die Rückkehrer:innen kommen mit leeren Händen, manche mit nichts weiter als der Kleidung, die sie tragen.

Viele haben keine Anknüpfungspunkte in Afghanistan, keine Familie, kein Zuhause. Die Folgen sind dramatisch: Mieten in Städten wie Herat oder Kabul sind explodiert – Wohnungen, die früher 70 Euro kosteten, werden nun für über 300 Euro angeboten. Wer nichts findet, lebt in Zelten, Parks oder Ruinen.

 

Eine fragile Nation unter Druck

Afghanistan ist seit der Machtübernahme der Taliban 2021 politisch isoliert und wirtschaftlich schwer angeschlagen. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 50 %, die Inflation entwertet Ersparnisse, die Dürre hat ganze Landstriche unbewohnbar gemacht. Nach Angaben von UNOCHA (United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs) hat fast die Hälfte der Bevölkerung keinen sicheren Zugang zu Trinkwasser. Strom ist vielerorts rationiert, das Leitungswasser oft ungenießbar.

Die gesellschaftliche Lage ist besonders für Frauen und Mädchen prekär: Schulen und Universitäten bleiben ihnen verschlossen, viele Berufe sind verboten. „Was ihnen bleibt, ist das Betteln“, sagt ein Händler aus Herat. „An jeder Straßenecke sitzen Frauen mit Kindern, die um ein Stück Brot bitten.“

Politik zwischen Moral und Realpolitik

Während Millionen Menschen in Afghanistan um ihr Überleben kämpfen, verschärfen auch andere Nachbarländer ihre Politik. Tadschikistan hat kürzlich angekündigt, alle afghanischen Geflüchteten auszuweisen. Gleichzeitig diskutiert Deutschland über eigene Abschiebungen und hat bereits erste Flüge mit Straftätern durchgeführt, wie es der Koalitionsvertrag vorsieht. Doch es bleibt die Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Recht und Menschlichkeit? Wer entscheidet, wer „Straftäter“ ist, und was bedeutet es, Menschen in ein Land abzuschieben, in dem Hunger, Armut und politische Unterdrückung herrschen?

Maryam, Ali und Millionen andere zahlen den Preis für geopolitische Verwerfungen, die sie nicht verursacht haben. In einer Welt, die durch Klimawandel, Krieg und Ungleichheit geprägt ist, werden sie zu Heimatlosen im eigenen Jahrhundert.

Und während sie auf staubigen Grenzstreifen ausharren, umgeben von Hitze, Hunger und Ungewissheit, verhandeln Staaten über Zahlen, nicht über Schicksale.

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Einladung zum Community-Treffen für Afghanische Frauen und Mütter

Dieses Treffen bietet die Möglichkeit, sich in einer vertrauten und freundlichen Umgebung auszutauschen, gegenseitig zu unterstützen und wertvolle Tipps und Erfahrungen miteinander zu teilen.